Vom statistischen Standpunkt aus gesehen, muss man einen Zusammenhang sicherlich bejahen. In den letzten zehn Jahren kam es gerade dreimal zu einem El Niño, während es sonst nur durchschnittlich alle sieben Jahre zu einem solchen Phänomen kommt. Einige Wissenschaftler meinen jedoch, dass diese Häufung reiner Zufall ist, einige behaupten sogar, dass schon vor 1500 Jahren eine noch stärkere Häufung einige uns unbekannte Hochkulturen weggeschwemmt hat. Ein Argument für einen Zusammenhang ist jedoch, dass dieses Jahr der stärkste El Niño seit Messbeginn aufgetreten ist. Da so mehr Argumente für einen Zusammenhang als dagegen sprechen könnte man eigentlich annehmen, dass es mit relativ grosser Wahrscheinlichkeit einen Zusammenhang gibt. Da dieser jedoch noch nicht gefunden ist kann man kein endgültiges Urteil fällen. Um Gewissheit zu haben, müsste man die genaue Ursache des El Niño kennen, diese kennt man, wie in Kapitel fünf beschrieben, jedoch noch nicht.
11. Vorhersage des El Niño
Mit Hilfe der Daten, welche die Klimaforscher von den im Pazifik stationierten Bojen und den Satelliten im Weltraum erhalten, wird versucht die Vorgänge im pazifischen Ozean und der darüberliegenden Atmosphäre mit Computermodellen auf Grossrechnern zu simulieren. Dies ist keine einfache Aufgabe, weil es zum einen noch nicht seit langer Zeit solche Klimadaten über den Pazifik gibt und zum anderen, weil die Vorgänge in der Natur nicht schön linear sind, sondern auch schon kleine Veränderungen grosse Auswirkungen haben können.
Gegenwärtig werden verschiedene Klimamodelle eingesetzt, die unterschiedliche Resultate liefern. Man unterscheidet grundsätzlich folgende Arten:
Eine zuverlässige und frühzeitige Vorhersagung des El Niño würde ermöglichen, dass sich die betroffenen Regionen auf die Klimaanomalie und ihre verheerenden Folgen vorbereiten könnten. So könnten zum Beispiel die Bauern Pflanzen anbauen, die das El Niño-Klima besser überstehen. In den Gebieten, für die aussergewöhnliche Regenfälle prognostiziert wären, könnte man die Flussbette ausbauen und Medikamente gegen Malaria und Cholera herbeischaffen.

Die Bilder zeigen die wahrscheinliche Abweichung der Oberflächentemperatur des tropischen Pazifiks (20°N bis 20°S) von den Durchschnittswerten.
Wie zu sehen ist, hat der El Niño nun seinen Höhepunkt erreicht und wird langsam abklingen. Bis zum Juni nächsten Jahres wird der Grossteil des Pazifiks weitgehend zu seiner Normaltemperatur zurückkehren; nur vor der Küste Zentralamerikas wird es noch eine starke Erwärmung des Meeres geben.
Das Phänomen von schwankenden Luftdruckzuständen gibt es nicht nur auf dem Pazifik, auch ganz vor unserer Haustür gibt es ein Phänomen, das ganz ähnliche Eigenschaften hat, wie das El Niño Phänomen. Man nennt es Noratlantische Oszillation oder NAO. Dabei geht es um ein Wechselspiel zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief. Es ist dabei klar, dass die Luft annähernd entlang der Isobaren vom Hoch zum Tief zieht. Beim Absteigen der Luft im Hoch respektive beim Aufsteigen im Tief, bekommen die Druckgebilde die für die Nordhalbkugel typische Rotation. Im Unterschied zur Südhalbkugel drehen die Tiefs auf der Nordhalbkugel im Gegenuhrzeigersinn, die Hochs im Uhrzeigersinn. Diesen Effekt kann man auch bei einer Badewanne oder einem Schwimmbecken beobachten. Da das Tief im Norden im Gegenuhrzeigersinn dreht, das Hoch im Süden jedoch im Uhrzeigersinn, wird Luft vom Atlantik angesogen und nach Europa geblasen, da sich die Luft ja fast entlang der Isobaren bewegt. Diese Windströmung kommt auf allen Kontinenten vor und ist als gemässigter Westwind bekannt.
Es ist nun einleuchtend, dass diese Luftbewegung grösser wird, wenn eine grössere Druckdifferenz zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief besteht. Wenn die Druckdifferenz grösser wird, muss mehr Luft zum Ausgleich entlang der Isobaren vom Hoch zum Tief bewegt werden, diese Luft nimmt ihren Weg dabei durch Europa. Dies bedeutet, dass um so mehr Luft vom Atlantik nach Europa gelangt, je grösser die Druckdifferenz ist.
Die Frage stellt sich nun, was diese Luftströmung für einen Einfluss auf unser Wetter hat. Dabei betrachten wir den Winter, da sich dieses Phänomen vor allem im Winter bemerkbar macht. Bekanntlich ist die Luft vom Atlantik relativ feucht, da sie lange Zeit über dem Ozean war, gleichzeitig ist sie auch mild, da der Ozean ein riesiger Wärmespeicher ist. Wenn viel Luft vom Atlantik nach Europa strömt, verdrängt sie dabei die kalte Luft aus dem Osten, die kalt und trocken ist, da sie sehr lange über Festland war. Dadurch wird bei uns das Wetter mild und feucht. Wenn wenig Luft aus Westen nach Europa strömt, vermag sie nicht, die kalte Luft aus dem Osten zu verdrängen. Dies führt dazu, dass sich das kalte, trockene Klima aus dem Osten bei uns breitmacht. Wenn man nun die Luftströmung an die Ursachen knüpft, so findet man heraus, dass ein geringes Druckgefälle zwischen Azorenhoch und Islandtief bedeutet, dass das Klima im Winter kalt und trocken ist, ein grosses Druckgefälle jedoch bedeutet, dass viel Luft vom Atlantik her kommt, dass das Klima feucht und mild ist.
Der Grund für dieses Druckgefälle ist nach Expertenmeinung beim Golfstrom zu suchen. Der Golfstrom bringt riesige Mengen warmes Wasser nach Norden, insbesondere in die Nähe des Islandtiefs. Das warme Wasser heizt nun die Luft an. Diese Luft steigt nun auf und bekommt bald die typische Rotation im Gegenuhrzeigersinn. So entsteht das Tief. Je stärker nun der Golfstrom ist, desto mehr Wärme wird dem Islandtief zugeführt, desto mehr Luft steigt auf, desto stärker wird das Tief, desto grösser wird die Druckdifferenz. Wir haben nun oben gesehen, dass eine grosse Druckdifferenz mildes und feuchtes Klima bedeutet, das heisst, dass ein starker Golfstrom mildes und feuchtes Klima auslöst. Umgekehrt löst ein schwacher Golfstrom trockenes und kaltes Klima aus.
Im Unterschied zum El Niño, der nur ein Jahr dauert, ist die Wechselfrequenz bei der NAO wesentlich geringer. Wechsel finden nur etwa alle zwanzig Jahre statt. Experten sind der Meinung, dass vor zwei Jahren wieder ein solcher Wechsel stattgefunden hat. Nun sollen die Winter wieder kälter werden, was das Tourismusgewerbe sicher freuen würde. Man darf dabei jedoch nicht denken, dass das kältere Winterklima bei uns das Ende der globalen Klimaerwärmung sei. Viel mehr überlagern sich die beiden Effekte. Die Klimaerwärmung schreitet kontinuierlich voran, während die zwanzigjährlichen Temperaturschwankungen diese Klimaerwärmung überlagern. Man kann dabei sagen, dass die Winter bei uns im langjährigen Durchschnitt wärmer werden, auch wenn sie nach Expertenmeinung in den nächsten zwanzig Jahren kälter ausfallen.
Die Frage stellt sich nun, wieso dieses Phänomen praktisch nur im Winter wichtig ist. Im Sommer kommt nebst dem Golfstrom auch noch die Sonne als wichtiger Wärmelieferant in Frage, die zusätzlich Energie zum Aufbau eines Druckunterschiedes liefert. Im Winter hingegen ist sie viel schwächer, der Energielieferant für das Islandtief ist jetzt zum grossen Teil der Golfstrom, von dem es nun abhängig ist.

| [Zurück] | [Inhaltsverzeichnis] | [Weiter] |
© by Micha Riser und Roman Racine,